2013/11/28

Und wieder ein Funkloch weniger

die neue Movitel-Antenne gleich neben dem Haus der Pastorin
Endlich! Nach einigen Jahren bürokratischer Vorbereitungen bekommt Cambine wohl noch vor Weihnachten eine funktionierende Mobilfunkantenne. "Elektrosmog" und "Handystrahlung" interessieren in Mosambik niemanden. Die Dichte der Antennen ist allerdings auch viel geringer als in Deutschland. Und auch wir sind froh. Denn nun werden sich in absehbarer Zeit unsere Kommunikationsmöglichkeiten spürbar verbessern. Das wird auch Zeit. Für etwa 30 Euro monatlich bekommen wir einen limitierten Zugang zum Internet mit Übertragungsraten, die jetzt, wo ich diesen Blog schreibe, zwischen 0,1 kb/s und bestenfalls 12 kb/s schwanken. Zwischendurch reißt die Verbindung immer mal ganz ab und ich muss den Computer vom Netz trennen und mich neu einwählen: Beim Versuch, Ihren Post zu speichern oder zu veröffentlichen, ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut. - Es kann eigentlich nur besser werden.

2013/11/08

Zwei markante Bücher über Afrika

In den vergangenen Wochen bin ich auf zwei Bücher aufmerksam geworden, die mir erwähnenswert scheinen, auch wenn ich sie selber noch nicht in der Hand hatte.

Das erste Buch heißt „DAS ROTE TRIKOT, Eine afrikanische Reise“ (von Sylvain Victor, Aladin Verlag 2013, 48 Seiten, 12,90 €) Es geht in diesem Bilderbuch fast ohne Worte nicht um eine Reise im landläufigen Sinn. Es geht um den Weg, den ein rotes Trikot mit der Nummer 8 nimmt: von Herstellung und Kauf zur Nutzung durch einen Jungen irgendwo in Europa. Dann landet es im Altkleidercontainer und die afrikanische Reise beginnt... Denn am Ende trägt ein Junge aus Afrika das rote Trikot mit der Nummer 8. Die Bildgeschichte folgt ihm und auf diese Weise erfahren wir als Betrachter der Bilder viel über die Lebenswelt eines Kindes in Afrika. Und darüber, dass Gebrauchtkleiderhandel nicht so verwerflich ist, wie es manchmal dargestellt wird. Es ist die Geschichte eines gebrauchten Kleidungsstückes, das Kinder, miteinander verbindet, die einander nicht kennen. Genau das vermag die Bildgeschichte auch, wir müssen ihr nur folgen. Am besten, indem wir das Buch gemeinsam mit einem Kind anschauen.

Mehr über das Buch finden Sie hier:



Das zweite Buch heißt „ES GIBT DINGE, DIE KANN MAN NICHT ERZÄHLEN“ (von Kirsten Boie, Oetinger Verlag 2013 112 Seiten,12,95€) Kirsten Boie gehört ja zu den großen Kinderbuchautorinnen deutscher Sprache. Zumindest eine der vier Geschichten dieses Büchleins habe ich gelesen. Sie war vor Monaten in der ZEIT abgedruckt. Es ist beeindruckend – und bedrückend zugleich – wie nüchtern sie die Lebenswelt von AIDS-Waisen in Swasiland schildert. Die Autorin kennt die Situation in diesem armen und von AIDS geplagten Ländchen zwischen Südafrika und Mosambik aus eigener Anschauung. Die Geschichten, so schreibt sie, seien ihre Art, die Eindrücke ihrer Reisen zu verarbeiten. Nein, es ist keine leichte Kost, die hier geboten wird, dafür ist die Wirklichkeit, die hinter den Geschichten steht, viel zu ernst. „Kinder sollten die Geschichten frühestens mit zwölf Jahren lesen – und nicht allein“, schreibt die ZEIT über das Buch. Und Kirsten Boie schreibt im Nachwort zu ihrem Buch: „Ich könnte noch viel mehr Geschichten erzählen, und all diese Geschichten sind wahr. (…) Wenn die Geschichten traurig sind, kann ich es darum nicht ändern. Trauriger als die Wirklichkeit sind sie nicht.“

Mehr über das Buch finden Sie hier:


2013/11/05

Gedanken Prüfung

 
Da sitzen vierzehn junge afrikanische Männer und Frauen in Schulbänken. Sie sind über Schreibbögen gebeugt und ordnen ihre Gedanken: Jahresabschlussprüfung am Theologischen Seminar: Was meint der Begriff „sozialer Status? Beschreiben Sie die unterschiedlichen Definitionen des Begriffs. Jesus als Beispiel guter Kommunikation. Was zeichnet seine Kommunikation aus? Schreiben Sie in englischer Sprache einen kurzen Aufsatz über die anstehenden Wahlen und die allgemeine Situation in Mosambik.

Ihnen gegenüber sitze ich: Professor Tomás. Ein Stück konnte ich die jungen Menschen auf ihrem Weg begleiten. Manches haben wir in den vergangenen Jahren voneinander gelernt. Mitunter haben wir uns nur schwer miteinander verständigen können, zu unterschiedlich waren die kulturellen Hintergründe. Auch die Sprache blieb ein Hindernis. Portugiesisch ist nicht nur für mich eine angelernte Fremdsprache. Auch manche der Studierenden sind in ihr nicht zu Hause.

Im fernen Frankfurt sitzen heute die Verantwortlichen beieinander, die über meine Zukunft entscheiden. Schon werden wir öfters gefragt: Wohin werdet ihr gehen, wenn ihr nach Deutschland zurückkommt? Als Pastor der methodistischen Kirche kann ich mir das nicht aussuchen. Ich werde an einen Ort geschickt. Das heißt: meine persönliche Entscheidungsfreiheit ist gering. Das heißt aber auch: Ich muss mir nach der Rückkehr nicht mühsam eine Arbeitsstelle suchen. Und das hat seinen Wert, zumal mit Mitte fünfzig. So geht mir vieles durch den Kopf in diesen Tagen.

Erinnerungen an unseren schwierigen Anfang in Mosambik. Fragen: Hat es sich gelohnt? Was haben wir gelernt? Konnten wir etwas bewegen? Wo sind wir an unsere Grenzen gestoßen? Fragen, auf die ich noch keine abschließende Antwort habe. Eindrücke allenfalls, Gedanken, die zu ordnen sein werden.

Gedanken an die Zukunft: Wird es schwer werden, sich nach sieben Jahren auf einem afrikanischen Dorf wieder in Deutschland zurecht zu finden? Und nach zweiundzwanzig Jahren anderer Tätigkeit wieder in eine Gemeinde. Werde ich dem gewachsen sein? - Ich weiß es nicht. Ich hoffe.

Und wie wird es in Mosambik weitergehen?

Zunächst richtet sich die Sorge vieler auf die Frage: Wird der innere Frieden halten? Der Friedensschluss von Rom beendete 1992 den blutigen Bürgerkrieg zwischen RENAMO und FRELIMO. Seither sind die Gegner leidlich friedlich miteinander umgegangen. Nun zeigt es sich ganz deutlich, dass Mosambik nicht mehr ist als eine Fassadendemokratie. Weder die regierende FRELIMO, noch die größte Oppositionspartei RENAMO sind an einem fairen Prozess politischer Entscheidungsfindung interessiert. Die anderen Oppositionsparteien, wie z.B. die Demokratische Bewegung Mosambiks (MDM), sind auffällig zurückhaltend mit ihren Äußerungen. Am ehesten sind es noch die Kirchen, die sich zu Wort melden und zum Frieden mahnen.

Spreche ich mit Menschen, so lachen sie meist. Doch es kommt mir nicht ehrlich vor. Es scheint mir eher ein resigniertes Lachen zu sein, erwachsen aus dem Empfinden von Machtlosigkeit: Die Mächtigen machen ja eh, was sie für richtig halten. Das Volk wird nicht gefragt. Wie damals in den 70er und 80er Jahren, als die weltpolitische Lage noch vom Ost-West-Konflikt geprägt war. Darum geht es heute nicht mehr. Doch geht es in der aktuellen Krise sicher auch nicht um das Wohl des Volkes. Nächstes Jahr werden Präsidentschaftswahlen stattfinden. Nach der Verfassung darf Guebuza nicht noch einmal antreten. Wird er willens sein, die Macht abzugeben? Manche sagen: Der aktuelle Konflikt liegt ganz in Guebuzas Interesse. Hat er Grund, den Notstand auszurufen, darf er erst mal weiterregieren.

Für andere sind die aktuellen Gewalttätigkeiten schlicht Verteilungskämpfe. Wer darf am erwarteten Rohstoffboom verdienen und wer nicht? Statt für das noch gar nicht vorhandene Geld einen Zukunftsfond anzulegen, aus dem man später das Land entwickeln und wirksam die Armut bekämpfen könnte, kauft die Regierung schon jetzt in Europa hochmoderne Kriegsschiffe ein. Vor einiger Zeit schlug die Weltbank vor, die erteilten Lizenzen für die Rohstoffförderung neu zu verhandeln, um bessere Konditionen für Mosambik zu erreichen. Die Regierung ließ sich darauf nicht ein. Man fragt sich warum. Darf man vermuten, dass manche der an der Vergabe der Lizenzen Beteiligten bei einer Neuverhandlung viel zu verlieren hätten? Manche sehen das so.

Gibt es eine Chance, den Frieden im Land zu erhalten? Ich denke: ja. Aber m.E. erwächst diese Chance nicht zuerst aus purer Friedensliebe oder der vorrangigsten Pflicht einer Regierung, für das Wohl des Volkes zu sorgen. Es wäre schon viel, wenn sich bei den Kontrahenten die nüchterne Erkenntnis durchsetzte, dass ein neuer Bürgerkrieg dem Investitionsklima im Land sicher beträchtlich schaden würde. Das würde dann möglicherweise auch die eigenen zu erwartenden Einkünfte empfindlich schmälern. Könnten es am Ende sehr eigennützige Motive sein, die dem Spiel mit dem Feuer eine Grenze setzen? Ich hielte es zumindest nicht für verwerflich.

Allerdings hoffe ich zugleich, dass die aktuelle Krise in Mosambik bei den politisch Verantwortlichen in Deutschland ein Umdenken hervorruft. Mosambik ist nicht so demokratisch, wie sie es gerne hätten. Es ist durchaus kein Musterschüler in der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit. Der Vergleich mit anderen afrikanischen Ländern ist nur ein schwaches Argument. Es gibt noch viel zu tun, um eine wirkliche und nachhaltige Entwicklung in Mosambik auf den Weg zu bringen. Dazu wird das Land auch weiterhin starke und selbstbewusste Partner brauchen. Deutschland sollte einer von ihnen sein.

Noch immer sitze ich an meinem Lehrerpult. Noch immer neigen sich die Studierenden über ihre Prüfungsbögen. Werden sie das Wissen und Können, das sie in ihrem Studium erwerben, anwenden, um ihr Land voran zu bringen? Ich weiß es nicht. Ich hoffe.