2009/06/12

Wohnen Sie noch?...

...oder leben Sie schon? Vor einigen Jahren war das der Werbeslogan einer großen blau-gelben Möbelhauskette. - Wohnen sie schon? Oder hausen sie noch? So möchte ich den Spruch abwandeln, wenn ich an die Unterkünfte der Schüler in Cambine denke. Gemeinsam mit dem Leiter der Gesundheitsstation haben wir in dieser Woche die beiden Internate besucht. Wir wollten erkunden, welche Maßnahmen nötig sind, um einen besseren Schutz vor Malaria zu erreichen.


Das Mädcheninternat wurde 2005 gebaut und befindet sich in einem vergleichsweise guten Zustand. Die Leiterin sagte uns, schon beim Neubau seien Netze für die Fenster vorgesehen gewesen und auch bezahlt worden. Nur eingebaut wurden sie nie. Im Haus selber stehen die Doppelstockbetten dicht an dicht. 120 Schülerinnen auf engstem Raum beieinander, kein Schrank, kein Kleiderständer - nur Betten und Reisetaschen. An einen Arbeitsplatz für Hausaufgaben ist nicht zu denken. Die werden auf der grünen Wiese oder am Straßenrand auf einem umgestürzten Baumstamm erledigt.


Das "internato masculino" bietet seinen Bewohnern zwar mehr Raum. Dafür befindet es sich in einem bedauernswerten Zustand. Die Schüler schlafen auf dem mit einer Decke oder Strohmatte belegten eisernen Bettgestell. Die Matratzen wurden gestohlen. Nach den nächsten Ferien wären wohl auch neu angeschaffte Matratzen wieder verschwunden. Moskitonetze vor den Fenstern gibt es nicht. Auch in diesen Häusern gibt es keine Schreibtische, Schränke oder Regale. - Wer unter solchen Umständen lernt und möglicherweise noch gute Ergebnisse erzielt, muss wirklich hoch motiviert sein, scheint mir.


Und doch: Als Europäer nehmen wir diese Zustände anders wahr als die Afrikaner. Wir sind einfach andere Lebensbedingungen gewöhnt. Dabei kann es durchaus sein, dass mancher Schüler und manche Schülerin zu hause noch ärmlicher leben muss als hier.


In diesem Haus lebte der Gründer der mosambikanischen Befreiungsfront Eduardo Mondlane, als er in der 1940er Jahren Schüler in Cambine war.

2009/06/11

Grenz-Erfahrungen

Von unserem Heimatort im Erzgebirge waren es nur etwa siebzig Kilometer bis nach Hof in Bayern. Trotzdem dauerte es über dreißig Jahre, bis ich das erste mal im Leben nach Hof kam. Daran musste ich denken, als wir vor einigen Tagen mit unserer Hausangestellten Martha, ihrem Sohn und einer kleinen Nichte den Strand von Barra besuchten. Von Cambine bis Barra sind es ein paar Kilometer mehr als von Schönheide nach Hof. Doch haben wir allezeit freie Fahrt. Kein Schlagbaum und kein Minenfeld schneiden uns den Weg ab. Und doch hat auch Martha mehr als dreißig Jahre gebraucht, um einmal nach Barra zu kommen. Zwischen Cambine und Barra gibt es also doch eine Grenze, die nicht jeder überwinden kann.

Den deutsch-deutschen Todesstreifen vermochte niemand zu übersehen. Die Scheidelinie, von der hier wir hier reden, ist nahezu unsichtbar. Sie verläuft längs der Straße. Zwischen den Palmen scheint sie sich zu verlieren. Auf dem Parkplatz von Barra ist sie wieder da. Sie verläuft quer durchs Restaurant bis an den Strand. Selbst in der Speisekarte ist sie als unsichtbare Linie vorhanden. Es ist die Grenze zwischen arm und reich, die hier in Afrika an vielen Stellen immer noch und immer wieder eine Grenze zwischen Schwarz und Weiß ist.



Anders als im alten Südafrika ist Apartheid hier nicht per Gesetz verordnete Rassentrennung. Es ist eine Apartheid, die sich schlicht aus den Einkommen ergibt. Wer hat hier schon ein Auto, mit dem er die Strecke fahren könnte? Mit öffentlichen Verkehrsmitteln schafft man an einem Tag allenfalls den Hinweg. Und wer kann sich in Barra eine Übernachtung leisten? Nur der, dem auch ein Auto nicht zu teuer ist...



Nach einigen Stunden am Strand sitzen wir gemeinsam im Restaurant. Martha fällt es sichtlich schwer, ein Gericht zu wählen. Beim Blick in die Speisekarte schüttelt sie immer wieder den Kopf. Eine Fischplatte für 300 Meticais? Das ist für sie ein Wochenverdienst. Sollte sie uns das wirklich zumuten? Und was die Getränke kosten... Am Ende zahle ich für die Mahlzeit ungefähr so viel, wie Martha bei uns in einem Monat verdient. Dabei zahlen wir schon vergleichsweise gut. Da ist sie wieder, diese Grenze. Diesmal verläuft sie quer über unseren Tisch.



PS: In dem Strandauto auf dem Bild ganz oben sind die Angestellten einer Touristen-Tauch-Schule unterwegs.

2009/06/02

FAQ 1 - Was Sie immer schon wissen wollten und sich nie zu fragen trauten

Wo gehen eigentlich die Menschen aufs Klo, die in den Strohhütten wohnen?

Irgendwo abseits gibt es auf jedem Grundstück eine Casa de Banho, also einen gemauerten oder aus Palmzweigen oder Stroh hergestellten Verschlag, hinter dem man sich wäscht, wenn man es nicht ohnehin gleich am Fluß tut. Meist ist dort in der Nähe noch ein zweiter Verschlag, hinter dem sich eine mehr oder weniger abgedeckte Grube befindet - das Klo.
Übrigens reicht man sich hier, wenn überhaupt, wirklich nur die rechte Hand zum Gruß, denn die Linke braucht man ja zum A...abwischen und Klopapier wird selten benutzt. Darüber hinaus ist es immer wieder erstaunlich, in welcher beeindruckenden Offenheit Männer und Frauen(!) sich hier ihrer Notdurft entledigen. Bei Männern kennt man so was ja schon eher, aber dass auch Frauen am Straßenrand mal schnell den Rock raffen, das hatte ich vorher erst einmal gesehen, hier allerdings schon öfters. Aber so ist das eben: Wo es keine öffentlichen Toiletten gibt, wird zwangsläufig die Öffentlichkeit selber zur Toilette.

Geschwister?

„Seid ihr Geschwister?“ - Eine Frau fragte uns das auf der Straße. Sie kam vom Fluss und trug einen 20-Liter-Kanister mit frischen Wasser auf dem Kopf. „Warum denkst du das?“ fragten wir zurück. „Wir sind seit fast 30 Jahren verheiratet.“ Sie schüttelte den Kopf und meinte nur: „Ein glückliches Ehepaar... Gratulation! Dass es so etwas gibt!“ - So einfach ist das: Du brauchst nur miteinander in die gleiche Richtung zu gehen, um den Eindruck zu erwecken, glücklich zu sein. - Ist es wirklich so einfach?

2009/05/19

Es gibt uns noch!

So, nun ist es wirklich ein ganzer Monat geworden, in dem sich im Blog nichts tat! Nein, es ist nicht so, dass wir euch nichts mehr verraten wollten. Und es liegt auch nicht daran, dass es nichts Berichtenswertes gegeben hätte. Nicht einmal den Vorwand, ich hätte keine Zeit gehabt, kann ich ehrlicherweise geltend machen. – Also genug der Vorrede, ich erspare euch weitere Ausreden und fang einfach mal an zu erzählen.


Das Wichtigste zuerst: Im Gesundheitszentrum wird gebaut. Endlich! Die Elektriker haben begonnen, die Installation grundlegend zu erneuern. Das war längst fällig gewesen und auch das Geld dazu war da. Doch nun haben die Arbeiten begonnen. Darüber hinaus werden wir weitere Instandsetzungen und Renovationen angehen können. Das Geld dazu ist zum Teil schon da, der Rest ist uns sicher zugesagt worden. Wieder einmal sind die Cambinefreunde aus Lage/NRW mit engagiert, dazu das Diakoniewerk Martha-Maria Nürnberg, die EmK-Weltmission und UMCOR, das Katastrophenhilfswerk der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche.


Die Dächer müssen erneuert werden, zum Teil Türen und Fenster. Moskitonetze und Gitter müssen angebracht werden, um die Sicherheit zu erhöhen. Und vor allem: die Geburtshilfeabteilung muss gründlich erneuert werden. Die heftigen Regenfälle im Dezember und Januar des vergangenen Sommers haben das Gebäude so in Mitleidenschaft gezogen, dass wir es vorübergehend aufgeben mussten. Auch der Raum, in dem die werdenden Mütter wohnen, gleicht eher einem Stall als einem Wohnraum. - Gott und den Spendern sei Dank, dass wir diese nicht länger tragbaren Zustände nun ändern können.


Immer wieder werden wir gefragt, wie es denn um die Versorgung mit Medikamenten steht. Im Moment gut. Die Lieferungen treffen rechtzeitig und meist auch vollständig ein, so dass kaum jemand weggeschickt werden muss, dem nicht geholfen werden kann.

Die Arbeit am Theologischen Seminar nimmt ihren normalen Verlauf. Das erste Semester des Studienjahres 2009 neigt sich dem Ende entgegen. Ende Mai werden wir Prüfungen haben. Dann geht es in die Ferien. Claudia unterrichtet im Moment ja auch eine Einheit pro Woche „Einführung in die Hygiene“. Was ihr genau so wie mir zu schaffen macht, ist immer noch unser mangelhaftes Sprech- und Verstehvermögen. Einen vorbereitenden Text vortragen, ist nicht das Problem. Aber sobald es Nachfragen gibt oder wir mit den Studierenden ins Gespräch kommen, beginnen die Probleme. Es wird nötig sein, sobald als möglich, einen weiteren Intensivsprachkurs zu absolvieren.

Besuche: Im Grunde gibt es zwei verschiedene Arten von Besuchergruppen in Cambine. Die einen – oft Vertreter des Staates – kommen nach Cambine, weil der Ort bekannt ist wegen Eduardo Mondlane, dem Gründer der mosambikanischen Befreiungsbewegung. Er ist der berühmteste Schüler von Cambine. 2009 jährt sich der Briefbombenanschlag, dem er zum Opfer fiel zum 40. Mal. Das ist natürlich auch ein Grund, Cambine zu besuchen. Die anderen Gruppen sind kirchliche Gruppen aus Mosambik, den USA oder Deutschland. Sie kommen, weil in Cambine eine Konferenz stattfindet oder weil sie dort Projekte besuchen oder einen Arbeitseinsatz leisten wollen. Die Nürnberger Gruppe war die erste dieser Art in diesem Jahr, weitere werden folgen. Im Juni kommen Freiwillige aus Missouri/USA, um im Waisenhaus, den von ihnen gespendeten Speisesaal fertig zu bauen.


Im Juli erwarten wir die Cambinefreunde aus Lage/NRW. Wir freuen uns sehr, dass gemeinsam mit ihnen auch unser Freund Christoph Lasch aus Bad Klosterlausnitz uns besuchen wird. Diese Gruppe wird an vielen verschiedenen Stellen im Dorf im Einsatz sein: im Waisenhaus, am Theologischen Seminar, im Gesundheitszentrum und natürlich auf den Dächern, wo die Solaranlagen zu finden sind. Und weitere eher private Besuche sind angekündigt.

Es wird also nicht langweilig werden. Und ich nehme mir vor. Euch möglichst regelmäßig zu berichten. Und sollte es doch mal wieder zu einer Pause kommen, nehmt es mir nicht krumm. Dann tun wir einfach, dass was Afrikaner auch oft tun (müssen). Wir bitten euch um „paciencia“ – Geduld. Irgendwann wird es wieder was Neues zu lesen geben. Und bis dahin habt ihr ja auch anderes zu tun, als unseren Blog zu verfolgen.

Über das mosambikanische Gesundheitswesen

An dieser Stelle vielleicht ein erklärendes Wort zur Organisation des Gesundheitswesens in Mosambik. Hier gibt es eine strenge Hierarchie der Einrichtungen, die sich auch in der personellen Besetzung und der Versorgung mit Medikamenten und Hilfsmitteln ausdrückt.

Auf unterster Ebene gibt es die Gesundheitsposten, die man ehesten als Beratungsstellen beschreiben kann. Hier arbeiten sogenannte Gesundheitshelfer und es gibt nur die nötigsten Medikamente. Ein Gesundheitszentrum wie in Cambine gehört schon auf die nächsthöhere Ebene. Hier arbeiten neben den Gesundheitshelfern auch ausgebildete Schwestern und Pfleger, dazu meist auch noch eine erfahrene Hebamme, die manchmal auch einen entsprechenden Abschluss hat. Wer hier nicht behandelt werden kann, z.B. HIV/AIDS-Patienten, wird in ein Landkrankenhaus überwiesen. Dort gibt es dann auch Ärzte und sogenannte „Tecnicos“, einen medizinischen Grad, den wir in Deutschland nicht kennen. Tecnicos sind ausgebildete Pfleger, die eine zweijährige Fortbildung absolviert haben, ohne Arzt geworden zu sein. Dennoch haben sie Aufgaben zu übernehmen, die anderswo allein den Ärzten übertragen sind, z.B. operieren. Weiter oben in der Stufenfolge der Einrichtungen gibt es noch die jeweiligen Zentralkrankenhäuser auf Provinz- und Landesebene. Dort gibt es dann auch Spezialisten verschiedener Fachrichtungen.


Die Versorgung mit Medikamenten erfolgt in drei Standardsortimenten, von denen das sogenannte „Kit C“ wieder nur eine Basisauswahl darstellt, während „Kit A“ schon alle notwendigen Schmerzmittel, Antibiotika und Antimalariamedikamente enthält. Medikamente sind insofern besonders wichtig, als es in weiten Teilen des Landes ja kaum andere Möglichkeiten der Behandlung gibt. Die Wege ins nächste (Zentral-) Krankenhaus sind oft sehr weit. Die zur Verfügung stehenden Transportmittel sind einfach und teuer.

Ein Beispiel: Wer in Cambine nicht im Zentrum wohnt und zum Beispiel Zahnschmerzen hat, der muss vielleicht schon mal 30-40 Minuten Fußweg zurücklegen, bis er an die Chapahaltestelle kommt. Das erste Chapa fährt morgens um sechs. Auf der offenen Ladefläche geht es dann durch Sonne oder Regen bis an die Hauptstraße. Dort muss er auf den Anschluss warten. Der Kleinbus bringt ihn dann nach Maxixe. Dort steigt er um ins Chapa nach Chicuque. Wenn er dort ankommt, sind gut und gerne zwei Stunden vergangen. Um aber beim Zahnarzt nicht allzu lange warten zu müssen, sollte man um sechs Uhr morgens bereits vor seiner Tür sitzen...

Andre Länder - andre Denkweisen, zum Beispiel: Moskitonetze

Claudia erzählt. Sie fragte eine Kollegin, ob sie denn zu Hause ein Netz hätte. Sie bejaht. Claudia fragt weiter: Und benutzt du es auch? Sie verneint. – Warum denn nicht? - Na, die Tochter hat keins. - Dann gib ihr doch dein Netz. – Aber dann hab ich doch keins... - So bleibt auch das eine vorhandene Netz ungenutzt.

Was ist das? Gleichgültigkeit? Unverstand? Oder vielleicht Solidarität? Wenn du kein Netz hast, dann will auch ich meins nicht nutzen? - Es fällt mir schwer, diese Logik zu verstehen. Ich denke an den Ausspruch Henning Mankells, dass er fünfundzwanzig Jahre brauchte, um zu begreifen, „dass wir alle aus derselben Familie kommen.“ - Ich fange an zu verstehen, warum das so ist.