2013/12/24

24. Dezember

Weil Gott in tiefster Nacht erschienen,
kann unsere Nacht nicht endlos sein.

Heute haben wir wieder unser Weihnachtsposter an die Wand geheftet. Wir haben es hier in Mosambik gekauft. Seither gehört es zu unserer Weihnachtsgrundausstattung. In nächtlicher Umgebung erscheinen die Hirten und die Weisen vor dem neu geborenen Kind. Es ist der Kontrast zwischen dem tiefen Schwarz des Hintergrundes und den lebendigen Farben der Figuren, der mich bei diesem Bild so anspricht und der mich an diese Zeile aus dem Weihnachtslied erinnert:

Weil Gott in tiefster Nacht erschienen,
kann unsere Nacht nicht endlos sein.

So wünschen wir allen, die mit Weihnachten ihre Mühe haben in diesem Jahr, dass sie, wenn alle anderen wirklich oder scheinbar fröhlich sind, wenigstens diese Hoffnung behalten. Auch das kann heißen: frohe Weihnacht.
 

23. Dezember

Einen Tag vor Heiligabend bin ich die sechzig Kilometer nach Anhane gefahren, um die Witwen im dortigen Wohnprojekt zu besuchen. Wie fast immer war es eine sehr schöne Begegnung. Alt und hinfällig gewordene Frauen, die zusammen mit den noch rüstigeren ihren Alltag meistern - so gut es eben geht. Das Projekt hat keinen Haushalt, das heißt: die Frauen leben von dem, was sie auf ihren Feldern anbauen und von dem, was Besucher ihnen gelegentlich bringen.


Das ist mal mehr, mal weniger. Alles ist willkommen. Ein Sack Reis. Ein Sack Maismehl. Öl und Zucker. Ich hatte noch zehn tiefgefrorene Hühner dabei. Die werden sie wohl nicht bis zum 1. Feiertag aufheben können, denn einen Kühlschrank gibt es nicht. Der Strom aus den Solarpanelen reicht nur für die Beleuchtung.


Sie leben einfach, die Frauen im Zentrum Anhane. Doch wenn man ihnen begegnet, spürt man deutlich: Sie sind froh, ein Bett zu haben und ein Dach über dem Kopf. Und die anderen, mit denen zusammen sie leben.



Natürlich wird es auch dort mitunter Streit geben. Doch im Grunde weiß jede: Hier zu sein ist besser als irgendwo auf der Straße zu leben und zu sterben


Wünschen wir ihnen FELIZ NATAL - FROHE WEIHNACHTEN. Ich bin ganz gewiss: Sie wünschen es uns auch.





2013/12/22

22. Dezember


Heute morgen im Gottesdienst in Muzima, einer wirklich armen Filialgemeinde, etwa 30 Minuten Allradstrecke außerhalb von Cambine im Busch gelegen. Ein Mädchen von vielleicht 12 Jahren liest auf Xitswa aus dem Lobgesang der Maria, Lukasevangelium, Kapitel 1:

  Meine Seele erhebt den Herrn
  und mein Geist freut sich Gottes,
  meines Heilandes...

  Er stößt die Gewaltigen vom Thron
  und erhebt die Niedrigen.
  Die Hungrigen füllt er mit Gütern
  und lässt die Reichen leer ausgehen...

Ob sie die Tragweite dieser Worte versteht?
Ob wir die Tragweite dieser Worte verstehen?

2013/12/21

21. Dezember

Ein ehrenwertes Haus?


In diesem Mietshaus wohnen wir seit einem Jahr,
und sind hier wohlbekannt.
Doch stell dir vor,
was ich soeben unter
unserer Haustür fand.
Es ist ein Brief von unseren Nachbarn,
darin steht: Wir müssen raus!
Sie meinen, du und ich wir passen nicht
in dieses ehrenwerte Haus.

Weil wir als Paar zusammen leben
und noch immer ohne Trauschein sind,
hat man sich gestern hier getroffen
und dann hat man abgestimmt.
Und die Gemeinschaft aller Mieter
schreibt uns nun: Ziehen sie hier aus!
Denn eine wilde Ehe, das passt nicht
in dieses ehrenwerte Haus.

Es haben alle unterschrieben,
schau dir mal die lange Liste an!
Die Frau von nebenan,
die ihre Lügen nie für sich behalten kann.
Und die vom Erdgeschoss,
tagtäglich spioniert sie jeden aus.
Auch dieser Kerl, der seine Tochter schlägt,
spricht für dieses ehrenwerte Haus!

Und dann die Dicke, die den Hund verwöhnt,
jedoch ihr eigenes Kind vergisst.
Der Alte, der uns stets erklärt,
was hier im Haus verboten ist.
Und der vom ersten Stock,
er schaut die ganze Zeit zum Fenster raus
und er zeigt jeden an, der mal falsch parkt
vor diesem ehrenwerten Haus.

Der graue Don Juan schaut dich
jedes mal im Aufzug schamlos an.
Die Witwe, die verhindert hat,
dass hier ein Schwarzer einziehen kann.
Auch die von oben. Wenn der Gasmann kommt,
zieht sie den Schlafrock aus.
Sie alle schämen sich für uns,
denn dies ist ja ein ehrenwertes Haus...

Wenn du mich fragst,
diese Heuchelei halt ich nicht länger aus!
Wir packen unsre sieben Sachen und ziehen fort,
aus diesem ehrenwerten Haus!
Udo Jürgens, 1975 


Vielleicht verhält es sich ja auch ganz anders mit dem adventlich geschmückten Haus auf dem Bild oben. Wer weiß? Ich lade euch ein: Lasst eurer Phantasie freien Lauf. Tut einmal dasselbe wie Udo Jürgens, als er sein Lied schrieb: Denkt euch Geschichten aus von Menschen, die hinter diesen Fenstern leben - hinter den erleuchteten und den dunklen. - Und: Wie wäre es wohl, wenn ich selber in diesem Haus wohnen würde?

2013/12/17

17. Dezember

Zuerst: Ich bitte um Entschuldigung, dass der Adventskalender dieses Jahr so wenige "Türchen" hat. Wir waren die vergangenen Tage unterwegs in Südafrika. Dort haben wir normalerweise guten Internetzugang. Diesmal war das anders: wegen häufiger Gewitter war der Netzzugang im Gästehaus häufig gesperrt, bzw. der Strom war ganz abgeschaltet. Nun sind wir zurück in Cambine und ich hoffe auf Besserung.

Heute habe ich eine Email von einem Kollegen erhalten. Darin findet sich ein Link, den ich gerne weiterreichen will. Besonders interessant ist er für diejenigen, die noch Geschenkideen suchen. Doch zugleich regt er an, ganz grundsätzlich über Weihnachten nachzudenken.

http://www.zeit-statt-zeug.de/

Viel Spaß beim Stöbern im Webshop!

15. Dezember


Auch wer zur Nacht geweinet

In Südafrika steht der heutige 3. Advent ganz im Zeichen der Beerdigung von Madiba, wie Nelson Mandela hier liebevoll genannt wird. Zehn Tage Staatstrauer - niemals zuvor, so hörten wir grade im Fernsehen, gab es das im Land. Ein Bischof der methodistischen Kirche im südlichen Afrika hielt die Predigt. Er erhielt dafür viel Beifall. In Afrika ist das kein Widerspruch: auch in einer Trauerfeier können Lachen und Händeklatschen ihren Platz haben.

Wir besuchten heute zum ersten Mal den Gottesdienst der methodistischen Gemeinde in Nelspruit. Gelesen wurde die Passage aus Lukas 1, in der die beiden Schwangeren Elisabeth und Maria einander begegnen. Und vor Freude „hüpfte das Kind in ihrem Leib“, heißt es da. Der Pastor sprach über die adventliche Freude, die nicht nur ein flüchtiges Gefühl sei, sondern eine Lebenshaltung.

Es gibt ja solche Menschen, die Heiterkeit verbreiten, wenn sie einem nur begegnen. Mandela scheint so einer gewesen zu sein. Doch auch Menschen wie er sind nicht immer fröhlich. Auch sie kennen Enttäuschung und Wut, Schmerz und Trauer. Das Leben kann sehr ungerecht und verletzend sein. So sehr, dass einer den Grund unter den Füßen zu verlieren droht.

Am selben Tag wie Mandela starb eine gute Freundin von uns, weil sie nicht mehr weiterleben wollte. Ratlos stehen wir daneben. Wir teilen die traurigen, vielleicht auch zornigen Fragen, die ihr Tod all denen stellt, die ihr nahe standen. Freude im Advent - was kann das in diesem Zusammenhang heißen? Ist es nicht taktlos, jetzt von Freude überhaupt nur zu reden?

Ja, das kann sein. Vielleicht meine ich zu trösten. Doch ich vergrößere nur die Not und die Verunsicherung des Trauernden, weil ich sie mir nicht nahe gehen lasse. Doch stellt uns nicht jede brennende Kerze, jedes erleuchtete Fenster, jedes Weihnachtslied, das aus dem Supermarktlautsprecher rieselt, genau diese eine Frage: Was heißt adventliche Freude für die, deren Welt zerbrochen ist?

Das Volk, das im Dunklen wandelt, sieht ein helles Licht, heißt es bei dem biblischen Propheten Jesaja. Licht im Dunkel. Kann sein, dass ich es nur tränenverschwommen wahrnehme. Kann sein, dass ich es auch gar nicht sehen kann. Oder ich will es einfach nicht. Dann ist es wichtig, dass ich Menschen um mich habe, die das Licht stellvertretend für mich im Blick behalten. Und die mich einfühlsam daran erinnern, dass die Dunkelheit nicht allmächtig ist. Auch wenn es zeitweise so scheint.


2013/12/15

14. Dezember

Großzügig

Ach, wie eng ich doch manchmal denke! Heute zum Beispiel beim Abendessen. Wir sind im Restaurant. Gerade haben wir das Essen bekommen, da macht eine Rosenverkäuferin die Runde. Sie kommt an jeden Tisch. Statt einfach eine Rose zu kaufen, reagiere ich unsicher. Ich frage Claudia: Willst du eine? - Was soll sie da wohl antworten? Doch wir brauchen gar nicht antworten. Denn die Verkäuferin steht schon am Nachbartisch.

Dort sitzt ein südafrikanisches Pärchen. Der Mann verhandelt mit der Verkäuferin den Preis. Er zahlt - und kauft ihr alle Rosen ab, den ganzen Eimer. Er umarmt die Verkäuferin. Die freut sich natürlich riesig. Und alle freuen sich mit, denn der Mann vom Nebentisch verteilt die Rosen im Restaurant. „Frohe Weihnachten!“ Das ist sein einziger Kommentar.

Ach, wie eng ich doch manchmal denke.